Anders als beim Purpose geht es hier nicht ums Finden, sondern ums Entscheiden. Eine Vision beschreibt eine Zukunft, die es noch nicht gibt — und schließt damit andere Zukünfte aus. Genau deshalb ist der schwierige Teil nicht die Formulierung, sondern der Moment, in dem eine Leitung sich festlegt. Diese Seite zeigt, wie Ihr dahin kommt und woran Ihr merkt, dass die Vision trägt.
Beim Purpose sucht Ihr etwas, das bereits stimmt. Die Arbeit besteht darin, es sichtbar zu machen. Eine Vision dagegen existiert vorher nicht — sie wird gesetzt.
Das hat zwei Folgen für das Vorgehen. Erstens: Breite Beteiligung hilft beim Sammeln von Möglichkeiten, aber nicht bei der Entscheidung. Eine Vision, die im Konsens entsteht, ist am Ende die Schnittmenge aller Vorstellungen — und damit die am wenigsten anspruchsvolle.
Zweitens: Es gibt kein Richtig. Beim Purpose könnt Ihr danebenliegen, weil es eine Wirklichkeit gibt, an der sich prüfen lässt. Bei der Vision gibt es nur mehr oder weniger mutige Entscheidungen. Wer darauf wartet, dass sich die richtige Vision zeigt, wartet dauerhaft.
Deshalb ist der entscheidende Satz in jedem Visionsprozess nicht „so könnte es sein“, sondern: „Und darauf legen wir uns jetzt fest.“
Bevor Ihr inhaltlich arbeitet, legt Ihr den Zeitpunkt fest. Das klingt nach einer Nebensächlichkeit und ist die wichtigste Vorentscheidung: Der Horizont bestimmt, wie groß die Vision ausfallen darf.
Ein Hinweis aus der Praxis: Der Horizont sollte länger sein als Eure übliche Planungsperiode. Wer jährlich plant und eine Dreijahresvision setzt, bekommt schnell eine ambitionierte Jahresplanung statt einer Vision.
Bevor Ihr über die Zukunft sprecht, beschreibt die Gegenwart — und zwar so, wie ein wohlwollender Außenstehender sie beschreiben würde. Wo seid Ihr stark, wo lebt Ihr von Gewohnheit, welche Entwicklung habt Ihr bisher verpasst?
Dieser Schritt wird gern übersprungen, weil er unangenehm ist. Er entscheidet aber darüber, ob die Vision eine Bewegung beschreibt oder nur eine geschmeichelte Fassung des Ist-Zustands.
Entwerft zwei bis drei deutlich verschiedene Zukunftsbilder für den gesetzten Horizont. Nicht Varianten desselben Gedankens — verschiedene Richtungen. Was wäre, wenn Ihr in fünf Jahren vor allem für eine Sache bekannt wärt? Und was, wenn es eine andere wäre?
Der Wert liegt im Vergleich. Eine einzelne Vision wirkt immer plausibel. Erst neben einer Alternative zeigt sich, was sie tatsächlich aussagt.
Wählt eine Richtung und beschreibt sie in konkreten Bildern: Woran merken Kunden den Unterschied? Was tut Ihr dann, was Ihr heute nicht tut? Was habt Ihr aufgegeben? Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus?
Aus dieser Beschreibung entsteht später der Visionssatz. Die Reihenfolge ist wichtig: erst das Bild, dann der Satz. Wer mit dem Satz beginnt, landet bei Abstraktionen.
Die Leitung entscheidet und spricht dabei aus, welche der anderen Zukünfte damit vom Tisch sind. Diese Ausschlüsse gehören ins Protokoll. Sie sind später die Begründung, wenn jemand fragt, warum eine naheliegende Gelegenheit nicht verfolgt wird.
Bevor Ihr die Vision veröffentlicht, geht sie durch sechs Fragen. Wer eine davon nicht beantworten kann, hat noch eine Absichtserklärung.
Die vierte Frage — wäre sie bei einem Wettbewerber falsch? — ist der schnellste Test von allen und fällt am häufigsten durch. Wenn Euer Visionssatz auch auf drei andere Unternehmen Eurer Branche passt, beschreibt er die Branche und nicht Euch.
Die fünfte Frage prüft etwas anderes: die Verbreitung. Eine Vision, die nur in der Leitung bekannt ist, existiert im Unternehmen nicht. Das ist kein Formulierungsproblem, sondern eines der Weitergabe — und es fällt oft erst Monate später auf.
Wenn die Vision steht, ist die Mission vergleichsweise einfach. Sie beantwortet eine einzige Frage: Was tun wir konkret, damit dieses Bild in der gesetzten Zeit entsteht?
Gute Missionen beschreiben eine Wahl. Sie sagen nicht nur, was getan wird, sondern lassen erkennen, was damit nicht getan wird. „Wir baün die Fähigkeit auf, Ausfälle vorherzusagen, statt schneller darauf zu reagieren“ ist eine Mission, weil das „statt“ eine Richtung ausschließt.
Legt beide Sätze nebeneinander und fragt: Beantworten sie dieselbe Frage? Wenn ja, braucht Ihr nur einen davon. Das ist kein Mangel — viele Organisationen kommen mit Purpose, Vision und Werten aus.
Der zweite Test: Lässt sich aus der Mission ein strategisches Ziel für die nächsten zwei Jahre ableiten, ohne dass Ihr etwas dazuerfinden müsst? Wenn nicht, ist sie noch zu allgemein. Die Mission ist die Ebene, an der Strategiearbeit in Planung übergeht — hier muss sie konkret werden.
In vielen Unternehmen existiert eine Mission schon lange, während die Vision neu entsteht. Die Versuchung ist dann groß, die alte Mission einfach stehen zu lassen. Prüft sie stattdessen gegen die neue Vision: Beschreibt sie noch den Weg dorthin, oder beschreibt sie den Weg zu einem Ziel, das Ihr gerade ersetzt habt? Eine Mission, die auf eine überholte Vision zeigt, richtet mehr Schaden an als gar keine — sie führt die Organisation weiter in die alte Richtung, während die Leitung glaubt, eine neue eingeschlagen zu haben.
Der mit Abstand häufigste Fall. Ohne Jahreszahl wird die Vision nie fällig, also auch nie überprüft. Sie bleibt dauerhaft gültig und dauerhaft folgenlos. Wenn Ihr Euch auf keinen Zeitpunkt einigen könnt, ist das ein Hinweis darauf, dass die inhaltliche Entscheidung noch nicht gefallen ist.
„2030 sind wir bei 80 Millionen Umsatz“ ist keine Vision, sondern eine Planzahl. Sie beschreibt kein Bild, sie schließt nichts aus, und sie beantwortet nicht, wofür dieses Wachstum gut sein soll. Eine Zahl kann Teil einer Vision sein — sie kann sie nicht ersetzen.
Wenn am Ende alle einverstanden sind, wurde meist so lange abgeschliffen, bis nichts Entscheidendes mehr drinstand. Eine gute Vision hat Menschen, die sie zu ehrgeizig finden, und andere, die sie zu vorsichtig finden. Wenn beide Gruppen fehlen, ist sie zu allgemein.
Sie wird einmal vorgestellt, kommt in die Präsentationsvorlage und taucht danach nicht mehr auf. Nach sechs Monaten kann sie niemand außerhalb der Leitung wiedergeben. Die Gegenmaßnahme ist kein Kommunikationsplan, sondern Benutzung: Die Vision muss in Entscheidungen vorkommen, sonst lernt niemand sie.
Das andere Extrem: Sie wird gesetzt und dann auch dann nicht überprüft, wenn sich die Grundlagen ändern. Einmal im Jahr eine halbe Stunde — stimmt die Richtung noch? — genügt. Wer sie jährlich neu formuliert, benutzt sie als Jahresplanung.
Es gibt keine richtige Form für einen Visionssatz, aber es gibt Muster, die sich bewährt haben — und eines, das fast immer schiefgeht.
Ihr beschreibt die Zukunft im Präsens, als wäre sie bereits eingetreten: „2030 rufen unsere Kunden uns an, bevor etwas ausfällt.“ Das erzwingt Konkretheit, weil man einen Zustand beschreiben muss und nicht eine Absicht behaupten kann. Für die meisten Organisationen das beste Muster.
Ihr stellt Heute und Morgen nebeneinander: „Heute verkaufen wir Einsätze. 2030 verkaufen wir, dass keine nötig sind.“ Wirkt stark, wenn die Vision tatsächlich einen Bruch beschreibt. Wirkt hohl, wenn der Unterschied nur sprachlich ist.
Ihr beschreibt, was sich für andere ändert: „2030 kommt kein Ausbildungsbetrieb in der Region mehr ohne uns aus.“ Geeignet für Organisationen mit klarem Umfeldbezug — Verbände, Genossenschaften, öffentliche Träger.
Der Superlativsatz: „Wir sind der führende Anbieter für …“. Er scheitert an Frage vier des Prüfrasters, weil ihn jeder Wettbewerber genauso schreiben könnte. Außerdem beschreibt er eine Position im Markt, nicht einen Zustand, an dem irgendjemand außer Euch etwas hat. Wenn Euer Entwurf so beginnt, fragt einmal weiter: Und woran merken das die Kunden?
Zahlen in einer Vision sind nicht verboten, aber sie brauchen einen Anschluss. „2030 kommen 40 Prozent unserer Erlöse aus Leistungen, die wir heute nicht anbieten“ funktioniert, weil die Zahl eine Veränderung beschreibt und nicht nur eine Größe. „2030 sind wir doppelt so groß“ funktioniert nicht, weil Größe allein keine Richtung ist.
In fast jedem Visionsprozess kommt der Punkt, an dem eine Leitung sich festlegen müsste und stattdessen eine Formulierung sucht, die beide Richtungen offenhält. Diesen Punkt zu halten, statt ihn zu umgehen, ist der eigentliche Wert einer externen Begleitung — im OKR Executive Workshop ist genau das der Kern.
Zu unseren Trainings für Strategie und OKREine Vision verliert ihre Wirkung nicht durch Widerspruch, sondern durch Nichtgebrauch. Drei Gewohnheiten halten sie präsent, ohne dass es nach Kampagne aussieht.
In der Jahresplanung. Die strategischen Ziele des kommenden Jahres werden ausdrücklich gegen die Vision begründet. Wer das nicht kann, hat entweder das falsche Ziel oder eine Vision, die nicht trägt.
Bei Absagen. Wenn Ihr eine Gelegenheit nicht verfolgt, nennt den Grund. „Passt nicht zu dem, was wir bis 2030 sein wollen“ ist die stärkste Form der Vermittlung, weil sie zeigt, dass der Satz etwas kostet.
In der Einarbeitung. Neü Mitarbeitende erfahren die Vision am besten anhand einer Entscheidung, die wegen ihr anders ausgefallen ist. Eine Folie erklärt den Satz; eine Geschichte erklärt, was er bedeutet.
Eine erreichte Vision ist ein guter Zustand, aber sie hinterlässt eine Lücke. Plant den nächsten Visionsprozess, bevor der alte Horizont abläuft — etwa ein Jahr vorher. Organisationen, die das versäumen, treiben eine Weile ohne Richtung und merken es erst, wenn die Quartalsplanung zäh wird.
„Bei uns ändert sich alles so schnell, eine Fünfjahresvision ist unrealistisch.“ Der Einwand kommt oft und verwechselt zwei Dinge: Die Vision beschreibt nicht, wie der Weg aussieht, sondern wohin er führt. Der Weg darf sich jedes Quartal ändern — genau dafür gibt es OKR. Was sich nicht jedes Quartal ändern sollte, ist die Richtung. Je unruhiger das Umfeld, desto wertvoller ist ein fester Punkt am Horizont.
Der Einwand hat allerdings einen wahren Kern: Je unsicherer das Umfeld, desto wichtiger wird die Ebene zwischen Vision und Quartal. Ein strategisches Ziel für zwei Jahre lässt sich anpassen, ohne dass die Vision infrage steht — und fängt damit genau die Bewegung auf, die der Einwand meint.
Ein Satz, höchstens zwei. Das ausführliche Bild aus Schritt drei bleibt als Beschreibung erhalten und ist intern oft nützlicher als der Satz selbst. Der Satz ist die Kurzfassung, nicht die Vision.
Nein. Wenn Eure Vision bereits erkennbar macht, wie Ihr dorthin kommt, ist eine separate Mission überflüssig. Zwei Sätze, die dieselbe Frage beantworten, schwächen beide.
Die Geschäftsführung oder das Leitungsgremium. Beteiligung ist beim Sammeln und beim Ausmalen wertvoll, bei der Festlegung nicht. Wichtig ist, das vorher zu sagen — sonst entsteht die Erwartung einer Mitentscheidung, die nicht eingelöst wird.
Dann wird die Vision überprüft, nicht stur verteidigt. Der Unterschied liegt im Anlass: Eine Vision wegen einer veränderten Grundlage anzupassen ist richtig. Sie anzupassen, weil sie unbeqüm geworden ist, macht sie wertlos.
In größeren Organisationen ja. Die Bereichsvision leitet sich aus der Unternehmensvision ab und beantwortet sie für den eigenen Zuständigkeitsbereich. Sie steht nicht daneben — und schon gar nicht dagegen.
Über die strategischen Ziele. Die Vision nennt einen Zustand in mehreren Jahren, das strategische Ziel den Ausschnitt für die nächsten ein bis drei Jahre, das OKR-Set den Teil davon, der in einem Quartal erreichbar ist. Fehlt die mittlere Ebene, springen Teams direkt von der Vision ins Quartal — und begründen dann alles mit allem.