Psychische Fehltage auf Platz 1 – und trotzdem geht keiner. Das ist kein gutes Zeichen.

Psychische Erkrankungen sind erstmals die häufigste Ursache für Fehltage in Deutschland – während die Wechselbereitschaft auf ein Fünf-Jahres-Tief fällt. Warum eine niedrige Fluktuationsquote 2026 kein Erfolgs-KPI mehr ist, und worauf du stattdessen schauen solltest.

Zwei Zahlen aus diesem Sommer. Erstens: Psychische Erkrankungen sind in Deutschland erstmals die häufigste Ursache für Fehltage – 184 Tage je 100 Versicherte im ersten Halbjahr 2026, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Sie haben damit die Atemwegserkrankungen vom Thron geschoben. Zweitens: Die Wechselbereitschaft der Beschäftigten liegt bei 34 Prozent – einer der niedrigsten Werte seit Beginn der XING/forsa-Studienreihe. 64 Prozent wollen langfristig bleiben.

Einzeln gelesen ist die eine Zahl eine schlechte, die andere eine gute Nachricht. Zusammen gelesen ergeben sie etwas anderes: Deine Leute gehen nicht mehr. Sie werden stattdessen krank.

Warum die Fluktuationsquote gerade lügt

In fast jedem HR-Dashboard steht die Fluktuationsquote als Erfolgsindikator. Sinkt sie, gilt das als Beleg für gute Kultur, gute Führung, gute Arbeit. Genau diese Logik trägt 2026 nicht mehr.

Die forsa-Daten zeigen, warum: 58 Prozent der Befragten würden sich im direkten Abwägen für den sicheren, aber weniger spannenden Job entscheiden. Zufrieden sind zwar 84 Prozent – aber nur 35 Prozent sehr zufrieden. Das ist keine Begeisterung, das ist Funktionalität. Und es ist keine Existenzangst, die die Leute hält: 91 Prozent fürchten kaum, gekündigt zu werden. Es ist schlichte Risikoscheu in einem Arbeitsmarkt, der sich abgekühlt hat.

Wer bleibt, weil das Gehen zu riskant erscheint, bleibt nicht gebunden. Er bleibt sitzen. Die Unzufriedenheit wandert dann nicht in die Kündigung, sondern in den Körper.

Der eigentliche Alarmwert steckt in der Dauer

Der Gesamtkrankenstand ist im ersten Halbjahr sogar leicht gesunken – auf 5,3 Prozent, der erste Rückgang seit Mitte der 2000er. Wer nur auf diese Zahl schaut, wird nichts merken.

Der Alarmwert liegt eine Ebene tiefer. Die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung ist gestiegen, und psychische Erkrankungen führen laut Barmer-Report zu den mit Abstand längsten Ausfällen: rund 40 Tage pro Fall. Das ist nicht die Erkältung, die man wegsteckt. Das ist der Ausfall, der ein Team über ein Quartal trägt – und der in aller Regel eine lange Vorgeschichte hat.

Kurz: Weniger Fälle, aber schwerere. Und die schwereren sind die, bei denen Führung vorher etwas hätte tun können.

Attestpflicht ab Tag 1 löst das Falsche

Politisch wird derzeit über die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag diskutiert – als Instrument gegen zu hohe Fehlzeiten. Unsere These: Das ist Symptombekämpfung am falschen Symptom.

Die Daten zeigen, dass der Treiber die Langzeitfälle sind, nicht die Kurzerkrankungen. Fachleute wie DGFP-Geschäftsführer Christian Lorenz warnen zudem vor dem Gegenteil-Effekt: Wer für einen einzigen Tag in die Praxis muss, wird eher gleich für eine Woche krankgeschrieben. Ein Kontrollinstrument gegen ein Erschöpfungsproblem einzusetzen, verschiebt das Problem – es löst es nicht.

Was du stattdessen messen und tun solltest

Ersetze den Retention-KPI durch einen Engagement-KPI. Frag nicht, wie viele gegangen sind, sondern wie viele bleiben wollen. Der Unterschied zwischen „Ich bleibe" und „Ich würde mich wieder für uns entscheiden" ist der gesamte Inhalt dieses Artikels.

Schau auf die Frühindikatoren, nicht auf die Ausfälle. Überstundenkonten, unangetastete Urlaubstage, Verschiebung von Entwicklungsgesprächen, Stille in Retros. Ein Ausfall von 40 Tagen kündigt sich Monate vorher an – nur eben nicht im BI-Report.

Gib Führungskräften einen Gesprächsleitfaden, kein Therapie-Mandat. Die häufigsten Wechselgründe neben dem Gehalt sind hohes Stresslevel und Unzufriedenheit mit der direkten Führungskraft. Führung ist also Teil der Ursache – und damit Teil der Lösung. Aber: Deine Teamleitung ist keine Therapeutin. Ihre Aufgabe ist, Signale wahrzunehmen, anzusprechen und weiterzuvermitteln. Alles andere überfordert sie und hilft niemandem.

Mach Belastung zum Führungsthema, nicht zum Benefit-Thema. Ein Meditations-App-Zugang ändert nichts an einer Rollenüberlastung. Prüf lieber, wo Verantwortung ohne Entscheidungsspielraum verteilt ist – das ist der klassische Belastungstreiber.

Die unbequeme Schlussfolgerung

Ein ruhiges Team ist nicht automatisch ein gesundes Team. 2026 ist Stabilität die Standardeinstellung des Arbeitsmarktes, nicht dein Verdienst. Die interessante Frage ist nicht mehr, ob deine Leute bleiben. Sie ist, in welchem Zustand.

Wenn du wissen willst, wie es um dein Team wirklich steht: Wir helfen dir dabei, Belastung sichtbar zu machen, bevor sie in der Fehlzeitenstatistik auftaucht – und Führung so aufzustellen, dass sie das aushält. Sprich mit uns.

Ben – New Work Hub. Denkt Arbeit gern einen Schritt weiter.

Quellen

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