2019 hatten 73 Prozent der Azubi-Bewerbenden mehr als ein Ausbildungsangebot in der Tasche. 2025 waren es 42 Prozent. 2026 sind es 29. Der niedrigste Wert seit zwölf Jahren.
Nach fünf Jahren, in denen Ausbildungsbetriebe um jeden Bewerber gerungen haben, dreht sich der Markt. Und du würdest erwarten, dass die Lehrstellen jetzt endlich voll werden.
Werden sie nicht. Laut DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 konnte fast jeder zweite Betrieb – 49 Prozent – im vergangenen Jahr nicht alle angebotenen Plätze besetzen. Rekordniveau, seit 2023 verharrend.
Unsere These: Die Bewerbenden sind da. Was fehlt, ist ein Prozess, der sie durchlässt.
Zwei Zahlen, die nicht zusammenpassen sollten
Die Azubi-Recruiting Trends 2026 sind mit über 9.000 befragten Schüler:innen, Azubis und Bewerbenden sowie mehr als 2.000 Ausbildungsverantwortlichen die größte Erhebung ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Ihr Befund ist eindeutig: Die Verhandlungsmacht wandert zurück zu den Betrieben.
Gleichzeitig meldet die DIHK Rekord-Nichtbesetzung. Beides kann nur stimmen, wenn zwischen Angebot und Nachfrage etwas steht, das nicht der Markt ist.
Und ja: Das Angebot schrumpft ohnehin. 29 Prozent der Unternehmen bieten dieses Jahr weniger Lehrstellen an als 2025, nur 13 Prozent haben ausgeweitet. Der Berufsbildungsbericht 2026 weist 54.400 unbesetzte Plätze aus – 21,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Aber die Lücke schließt sich nicht, weil Betriebe besser besetzen. Sie schließt sich, weil sie weniger anbieten. Das ist keine Lösung, das ist Kapitulation mit besserer Statistik.
Der Filter, den ihr selbst gebaut habt
Hier wird es unangenehm konkret.
37 Prozent der Azubi-Bewerbenden bewerben sich erst dann, wenn sie vier oder fünf von fünf Kriterien einer Stellenanzeige erfüllen. Deine Anforderungsliste ist kein Wunschzettel – sie ist eine Tür. Jeder Punkt, den du „sicherheitshalber" reinschreibst, schließt sie ein Stück weiter. Bei Erwachsenen mit Berufserfahrung ist das schon teuer. Bei Sechzehnjährigen, die ihre erste Bewerbung überhaupt schreiben, ist es fatal.
Rund 60 Prozent der Befragten haben auf eine Ausbildungsbewerbung schon einmal überhaupt keine Antwort bekommen. Nicht eine Absage – Funkstille. Wir haben Ghosting im Recruiting hier schon als teuerstes HR-Instrument bezeichnet. Bei Azubis potenziert sich der Schaden: Diese jungen Menschen reden mit ihrer Klasse, ihren Geschwistern, ihrem Ausbildungsberater. Ein ignorierter Sechzehnjähriger ist kein verlorener Kandidat, sondern ein verlorener Jahrgang.
Beides sind keine Marktbedingungen. Das sind Entscheidungen. Und beide lassen sich in zwei Wochen ändern.
Nach der Unterschrift beginnt die zweite Hälfte
Wer besetzt hat, ist nicht fertig. Die Vertragslösungsquote liegt laut Bertelsmann Stiftung bei 29,7 Prozent. Fast jeder dritte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig gelöst.
Der wichtige Zusatz dazu: Etwa die Hälfte dieser jungen Menschen schließt danach einen neuen Vertrag ab – anderswo. Das ist also überwiegend kein Ausbildungsabbruch, sondern ein Betriebswechsel. Übersetzt: Sie hören nicht auf. Sie hören bei dir auf.
Damit ist auch die DIHK-Erklärung „mangelnde Passung" nur die halbe Wahrheit. Passung entsteht nicht im Bewerbungsformular, sondern in den ersten sechs Monaten. Wer sein Onboarding an den Ausbilder delegiert, der ohnehin schon Vollzeit produziert, hat es faktisch nicht.
Was das für dich heißt
Drei Dinge, die diese Woche gehen – nicht nächstes Jahr:
- Streich deine Anforderungsprofile zusammen. Für eine Ausbildung sind fünf Kriterien vier zu viel. Frag bei jedem Punkt: Ist das eine Voraussetzung oder ist es das Ziel der Ausbildung? Alles, was das Ziel ist, fliegt raus.
- Antworte. Immer. Innerhalb von 72 Stunden. Auch die Absage. Eine automatische Eingangsbestätigung ist kein Prozess, sondern ein Pflaster – aber ein besseres als Schweigen.
- Gib dem ersten Halbjahr einen Verantwortlichen mit Namen. Nicht „die Ausbildungsabteilung". Eine Person, ein monatliches Gespräch, dokumentiert. Das ist die günstigste Maßnahme gegen 29,7 Prozent Vertragslösung, die es gibt.
Das Zeitfenster ist jetzt
Die Nachvermittlung läuft gerade. Betriebe, die im September noch Plätze frei haben, konkurrieren in diesem Jahr mit deutlich weniger Gegenangeboten als je zuvor seit 2014. Das ist ein Vorteil, den ihr fünf Jahre lang nicht hattet – und der spätestens mit der nächsten Konjunkturwende wieder weg ist.
Der Markt hat euch gerade eine Verhandlungsposition zurückgegeben. Die Frage ist nur, ob euer Prozess in der Verfassung ist, sie zu nutzen.
Du willst euer Azubi-Recruiting und euren ersten Ausbildungsabschnitt so aufsetzen, dass aus Bewerbungen Abschlüsse werden? Lass uns sprechen – wir schauen gemeinsam auf euren Prozess.
Ben – New Work Hub. Denkt Arbeit gern einen Schritt weiter.