72 % planen strategisch. Die meisten planen nur bis Silvester.

2026 sinkt das Erwerbspersonenpotenzial erstmals. Gleichzeitig glauben 72 % der HR-Profis, sie planen strategisch – meist ist es operative Fortschreibung. Warum der Horizont das eigentliche Problem ist.

2026 passiert etwas, das es in der Bundesrepublik noch nie gab: Das Erwerbspersonenpotenzial sinkt. Nicht das Wachstum verlangsamt sich – die Zahl der Menschen, die dem Arbeitsmarkt überhaupt zur Verfügung stehen, geht zurück. Um 40.000 Personen, prognostiziert das IAB. Im Jahr davor waren es noch plus 60.000.

Das ist kein Konjunkturthema. Das ist der Moment, in dem der Puffer weg ist.

Und genau jetzt zeigt der McKinsey „HR Monitor 2025": 72 Prozent der HR-Professionals in Deutschland sagen, ihr Unternehmen habe eine strategische Personalplanung. Die Studienautorinnen und -autoren halten dagegen – meistens ist es keine. Es ist operative Planung, die sich strategisch nennt.

Unsere These: Der Fachkräftemangel ist nicht das Hauptproblem. Die Selbsttäuschung darüber, ihn im Griff zu haben, ist es.

Der Unterschied ist kein Semantik-Streit

Operative Personalplanung deckt den Bedarf bis zu einem Jahr in die Zukunft. Strategische Planung schaut drei bis fünf Jahre voraus, leitet den Personalbedarf aus der Geschäftsstrategie ab und arbeitet mit Szenarien.

Das eine ist eine Fortschreibung des Status quo bis zur nächsten Budgetrunde. Das andere ist eine Wette auf ein Geschäftsmodell.

Wie groß die Lücke zwischen Selbstbild und Praxis ist, zeigt die US-Vergleichszahl aus derselben Studie besonders schön: 88 Prozent der befragten Unternehmen geben an, strategisch zu planen. Fragt man anschließend nach dem Planungshorizont, planen nur 12 Prozent drei Jahre oder länger voraus. Für Deutschland weist der Report den Horizont nicht aus – aber die Richtung dürfte kaum eine andere sein.

Übersetzt: Sieben von acht Unternehmen halten ihre Jahresplanung für Strategie.

Die Lücke ist schon offen – du siehst sie nur nicht in der Planung

Was das kostet, steht in derselben Studie: HR-Professionals in Deutschland schätzen, dass 33 Prozent der Mitarbeitenden nicht über die Kompetenzen verfügen, die ihre aktuelle Rolle verlangt. Vor allem Problemlösung, Datenanalyse, KI.

Ein Drittel der Belegschaft kann den eigenen Job nur eingeschränkt machen. Nicht in fünf Jahren. Heute.

Das ist der Punkt, an dem die meisten Planungen blind sind. Denn 69 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben zwar sowohl eine operative Personalplanung als auch eine Kompetenz-Taxonomie – unter dem Länderschnitt von 77 Prozent, aber immerhin. Nur: Lediglich 33 Prozent verknüpfen beides miteinander. Der Report formuliert es trocken: Personalplanung und Kompetenzerfassung laufen parallel, ohne Verbindung.

Du hast also die Kopfzahlen. Und du hast, irgendwo daneben, die Skills. Was du nicht hast, ist die Antwort auf die einzige Frage, die zählt: Welche Fähigkeiten brauchen wir 2029, und woher kommen sie?

Kopfzahlen planen ist die falsche Einheit

Der zweite Denkfehler steckt in der Größe, die geplant wird. Wer Stellen plant, plant Vergangenheit: Jobtitel, die es gibt, weil es sie gestern schon gab.

Skills-basierte Planung dreht das um. Nicht „Wir brauchen zwei Controller", sondern „Wir brauchen Szenariomodellierung und Datenkompetenz – und die können auch aus dem eigenen Vertrieb kommen." Damit wird interne Mobilität planbar statt zufällig, und Recruiting wird zur Ergänzung, nicht zur einzigen Antwort.

Ein Beispiel für den Gegenentwurf liefert SAP: Personalvorständin Gina Vargiu-Breuer baut die Personalplanung als „Skill-led People Ecosystem" auf. Rund 100 identifizierte „Role Owner" prüfen, welche Skills in welchen Bereichen tatsächlich gebraucht werden; Jobrotation soll zur Norm werden statt Ausnahme.

Wichtig dabei: schlank bleiben. Gartner rät zu 20 bis 30 Kernkompetenzen in 10 bis 15 Jobfamilien. 36 Prozent der Unternehmen greifen laut McKinsey auf standardisierte Modelle von der Stange zurück – die passen dann zu niemandem. Und wer, wie mehr als jedes dritte französische Unternehmen, 21 und mehr Kompetenzen pro Kopf erfasst, verwaltet nur noch.

Warum du nicht auf das große Projekt warten solltest

Der Druck spricht gegen Fünfjahresplanung. Kostensenkung und Margendruck (57 Prozent) sowie Digitalisierung und KI (55 Prozent) sind laut der DGFP-/Gallup-Studie „State of HR in Deutschland 2026" die stärksten Treiber der People-Strategie. In so einer Lage klingt „strategische Personalplanung" nach Projekt, das erst mal 18 Monate braucht.

Muss es nicht. Merck geht laut Gartner-Report anders vor: kein einmaliger Konzern-Rollout, sondern HR fragt Führungskräfte, wo sie gerade konkrete Engpässe beim Arbeitskräftepotenzial haben. Geplant wird dort zuerst, wo der Effekt auf die Unternehmensziele am größten ist – und nur, wenn Daten, Skills und Tools dafür überhaupt vorhanden sind.

Das ist der pragmatische Einstieg: eine kritische Jobfamilie, ein Szenario, drei Jahre Horizont. Nicht alles auf einmal.

Der Realitätscheck in vier Fragen

  1. Wie weit reicht eure Planung wirklich? Nicht was im Konzept steht – welcher Zeitraum in der letzten Runde tatsächlich durchgerechnet wurde.
  2. Woraus leitet sie sich ab? Aus der Geschäftsstrategie und mindestens zwei Szenarien – oder aus dem Vorjahr plus Fluktuationsannahme?
  3. Kommen Skill-Daten und Personalplanung in einem Dokument zusammen? Wenn sie in zwei Systemen und zwei Abteilungen liegen, gehören sie zu den 67 Prozent ohne Verknüpfung.
  4. Wer verantwortet die Lücke? Nicht das Recruiting einer offenen Stelle – die Fähigkeit, die dem Unternehmen 2029 fehlt.

Die unbequeme Schlussfolgerung

Bis 2036 verlassen laut IW rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte den deutschen Arbeitsmarkt. Das ist keine Prognose mit großer Unsicherheit – diese Menschen sind längst geboren, ihre Renteneintritte stehen im Kalender.

Wer das mit einer Jahresplanung beantwortet, verhandelt in fünf Jahren um Menschen, die es dann nicht mehr gibt. Der Vorteil geht an die, die heute anfangen, in Skills und Szenarien zu denken statt in Stellenplänen.

Die Lücke ist nicht der Arbeitsmarkt. Die Lücke ist der Horizont.

Du willst wissen, ob eure Personalplanung strategisch ist oder nur so heißt? Sprich mit uns – wir machen mit euch den Realitätscheck und bauen den ersten Szenario-Durchlauf entlang einer kritischen Jobfamilie.

Ben – New Work Hub. Denkt Arbeit gern einen Schritt weiter.

Quellen

  • IAB-Prognose für 2025/2026 (24.09.2025): Erwerbspersonenpotenzial sinkt 2026 erstmals um 40.000 Personen — iab.de
  • McKinsey „HR Monitor 2025" (rund 1.920 Unternehmen und ca. 4.000 Mitarbeitende in Europa) — mckinsey.de
  • Personalwirtschaft: „Personalplanung muss vielerorts strategischer werden" — personalwirtschaft.de
  • Gartner: „Top Priorities for HR Leaders" (ca. 1.400 HR-Führungskräfte in über 60 Ländern) — gartner.com
  • DGFP & Gallup: „State of HR in Deutschland 2026" (Befragung 27.01.–25.02.2026, n = 312) — dgfp.de
  • Institut der deutschen Wirtschaft (IW): Bis 2036 fehlen 4,3 Millionen Arbeitskräfte — iwkoeln.de
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